„Es weihnachtet nicht sehr…“


Schreibwerkstatt: Eine „andere“ Weihnachtsgeschichte.

Am 6. Dezember fahre ich nach der Arbeit mit dem Auto nach Hause. Auf halbem Weg ärgere ich mich über mich selbst. Wo ist die Zeit hingekommen, als ich zum Nikolaus die Stiefel und Schuhe meines Sohnes mit Nüssen, Mandarinen und Leckereien füllte? Im Oktober ist er 21 Jahre alt geworden. Heuer hat er keine Schuhe und Stiefel am Vorabend geputzt damit der Nikolaus sie befüllt.

Beim Kreisverkehr biege ich routinemäßig die erste Ausfahrt ab und halte an der nächsten Abbiegemöglichkeit um zu wenden. Ich fahre zurück zum Kreisverkehr und kehre beim Supermarkt ein. Zielorientiert finde ich das Regal mit den Süßigkeiten und Keksen. Ein Sack Erdnüsse und zwei große Packungen Schokobananen, aber die Markenware – nicht die billige. Mein Sohn schmeckt den Unterschied, angeblich. Für mich schmecken beide gleich.

Am Hauptplatz parke ich ein und besuche im Gemeindesitzungssaal den „Stammtisch pflegende Angehörige“. Ich bin um 20 Minuten zu spät. Reihum erzählen die Angehörigen wie sie Weihnachten feiern werden. Wortlos stelle ich zur freien Entnahme eine Packung Schokobananen zu den selbstgebackenen Keksen einer älteren Dame. Wann habe ich eigentlich zuletzt Kekse gebacken? Immer im Zeitstress, 24 Stunden per Telefon erreichbar, immer auf dem Sprung, keine Zeit für mich selbst…

Heute ist Nikolaus, der 6. Dezember. Ich bin an der Reihe um über Weihnachten zu erzählen. Ich beginne beim Nikolaus und erzähle, dass wir zu Hause zum Nikolaus immer die praktischen Geschenke bekommen haben, Handschuhe, Haube, Winterkleidung, Schi, Rodel und Eislaufschuhe. Wer schlimm war bekam Kohlen vom Krampus in die Stiefel gesteckt. Alle lachen herzlich und finden es amüsant, als ich davon erzähle wie enttäuscht mein 5-jähriger Sohn gewesen war als er einmal Kohlen in seinen Stiefel fand und das Christkind den am Fensterbrett deponierten Briefe mit den Wünschen zwei Wochen nicht abgeholt hatte. Ich gebe an den nächsten weiter. Weihnachten ist mir so fern. In meinem Wohnzimmer stehen Übersiedlungskartons und Kleinmöbel, die ich nicht wegwerfen will und noch einen Platz im Keller bekommen. Mein Sohn freut sich über die Erdnüsse und die zweite Packung Schokobananen und umarmt mich herzlich. „Oje, ich habe vergessen meine Stiefel uns Schuhe zu putzen“, bemerkt er lachend.

Am 8. Dezember kommen meine Schwester, meine Freundin, ihr Ehemann und der jüngsten Sohn zu besuch. Wir gehen mittags zum Heurigen Essen und anschließend in den Weinbergen spazieren. Als ein Graupelschauer vorüber zieht machen wir uns auf den Heimweg und setzen uns bei Kaffee und Kuchen zwischen den Übersiedlungskartons im Wohnzimmer zusammen. Ich entzünde zwei Kerzen am Adventkranz. Er ist aus Plastik und meine Schwester bemerkt, dass ich vergessen habe die Minilämpchen darum zu platzieren und außerdem ein Zapfen fehlt. Am ersten Advent war mir nicht nach Adventkranzbinden und kaufen wollte ich auch keinen. So habe ich aus den Übersiedlungskartons einen meiner Mutter heraus genommen und auf den Tisch gestellt. Es war ein schöner und stressfreier Tag und am Abend packten wir das zerlegt 140 cm breite Bett meiner Mutter in den Bus meiner Freundin. Ihr älterer Sohn war ausgezogen und sein Zimmer wird für Gäste umfunktioniert.

Eine freudige SMS-Nachricht erreicht mich am 9. Dezember. Die Tochter meiner Freundin, die auch mein Patenkind ist, hat ihren zweiten Sohn zur Welt gebracht. Xaver ist ein schöner Name und passt zu Emil seinem 2-jährigen Bruder. Wir alle freuen uns und gleich am nächsten Morgen kommt ein WhatsApp mit Foto.

Heute ist der 11. Dezember. Morgen nach der Arbeit habe ich keine Zeit. Morgen ist der 12. Dezember, der erste Todestag meines Bruders. Ich vereinbare mit meiner Schwester, dass wir uns nach der Arbeit treffen um auf dem Friedhof eine Kerze anzuzünden. Mein Sohn ruft mich an, dass er einen Unfall mit Blechschaden hatte. Ich gebe ihm Instruktionen den Unfallbericht auszufüllen und Fotos zu machen. Wir treffen einander zu Hause. Wortlos umarme ich meinen Sohn. Es hat keinen Sinn ihm Vorwürfe zu machen, dass er hinten jemandem draufgefahren ist. Er braucht jetzt Trost und „es ist nur ein kaputtes Auto“. Draußen tobt der Föhnsturm. Ich suche meine Laterne und zünde eine weiße Engelskerze an, da das Entzünden einer Kerze bei dem Sturm am Friedhof nicht möglich ist. Überraschend zieht mein Sohn sich an und kommt mit. Meine Schwester wartet schon bei der Einfahrt und wir fahren mit der brennenden Kerze in der Laterne mit dem Auto zu Friedhof.

Es ist finster aber man kann den helleren Schotterweg gut sehen. Viele Kerzen brennen in den Laternen der Gräber. Wir gehen zur Urnenwand und geben die Engelskerze von einer Laterne in die andere. Nach einem „Vater unser…“ gehen wir zum Familiengrab am anderen Ende des Friedhofes. Der Wind braust über unsere Köpfe und Allerheiligengestecke und anderer Grabschmuck liegt überall verstreut auf den Wegen herum. Wir sichern den Grabschmuck auf unserem Grab und nehmen die bereits umgewehte Laterne mit. Es macht keinen Sinn auch hier eine Kerze zu entzünden. Wir verabschieden uns von Bruder, Mutter und Großmutter. Sie alle waren innerhalb von 8 Monaten verstorben. Der Bruder und die Mutter an Krebs, die Großmutter an Gehirnblutung im 96. Lebensjahr. Die Pflege und die Wohnungsräumungen der drei Angehörigen haben in den letzten 2 Jahren alle unsere Ressourcen gefordert. Immer im Zeitstress, 24 Stunden per Telefon erreichbar, immer auf dem Sprung, keine Zeit für uns selber…

In weniger als zwei Wochen ist Weihnachten. Die Tochter des Lebensgefährtes meiner Mutter wollte wissen was sie zu Weihnachten mitbringen soll. Schön, dass sie kommen werden, der Lebensgefährte meiner Mutter und seine Tochter. Er kam zuletzt nicht mehr in Muttis Wohnung. Er wollte nicht sehen wie wir Stück um Stück daraus entfernten. Er hat Mutti jeden Tag besucht, zu Hause und im Krankenhaus, bevor es zu Ende ging. Auch die Großmutti werden wir vermissen. Ich habe 51 Weihnachten mit ihr gefeiert.

Heuer werden nur 5 Personen zum Weihnachtsessen kommen. Es ist noch viel zu tun um das Wohnzimmer wieder wohnlich zu machen und weihnachtlich zu schmücken. Ich freue mich schon ein bisschen…

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